Projekt zur Förderung
junger Literatur

ASP: Liebe Dagmar! Oder besser: Dachma! Erst einmal Danke, dass Du mich in meiner Küche besuchst und keine Angst vor meinen neugierigen Fragen hast!
DG: Gerne... Es gibt ja auch Kuchen... (grinst)

ASP: Du bist Comiczeichnerin und im August 2015 ist Dein erstes Pinkmützchen-Buch erschienen. Was muss man denn studiert haben, damit man so weit kommt?
DG: Ich habe tatsächlich nicht studiert. Nach dem Abitur wollte ich Grafikdesign studieren, aber als ich meinem Kunstlehrer meine Bewerbungsmappe präsentierte, hat der mir absolute Talentfreiheit bescheinigt.
Ich war dann beim Arbeitsamt und habe mit dem Berufsberater überlegt, was für mich passen könnte. Ich interessierte mich für Kunst, fürs Malen, aber auch für Biologie und Medizin. Und dann bin ich auf der Präparatorenschule in Bochum gelandet. Ich habe mit der Ausbildung zur Präparationstechnischen Assistentin im Fachbereich Biologie angefangen, hab dann aber schnell gemerkt, dass ich nicht mein Leben lang tote Tiere ausstopfen möchte und bin in den Fachbereich Medizin gewechselt.
Nach der Ausbildung war ich dann noch zwei Jahre in der Anatomie der Uni Ulm und habe für die Medizinstudenten Leichen präpariert und sie bei den Obduktionen begleitet.

ASP: Und so wird man Comiczeichnerin?
DG: Nein, nicht sofort, aber aus künstlerischer Sicht war das eine gute Grundlage!
Im Urlaub lernte ich dann eine Frau kennen, der ich so ein bisschen mein Leid und meine Unentschlossenheit klagte, weil ich mir nicht vorstellen konnte, den Rest meines Lebens im Keller der Uni Ulm zu verbringen. Und die meinte dann, hach, man kann doch alles werden. Werd doch Reiseleiter! Und dann hab ich einfach mal ne Mail an Neckermann geschrieben, um mich zu erkundigen, wie man denn Reiseleiter wird und die haben mich glatt zum Eignungstest eingeladen... Ich war dann 6 Jahre lang auf Lanzarote und habe zunächst Urlauber betreut und später Wanderungen auf der Insel organisiert und geführt.

ASP: Und so wird man Comiczeichnerin?
DG: Nein, danach bin ich nach Deutschland zurückgekehrt, hab als Vorstandsassistentin in einem Marktforschungsunternehmen gearbeitet und auch ein paar Jahre bei einer Personalberatung, solche „normalen“ Sachen eben.
Gezeichnet und gemalt hab ich eigentlich immer, mal mehr, mal weniger. Aber ich dachte eben, ich hätte kein Talent. Malen können bedeutet ja für viele Menschen, dass sie ein Pferd auch so malen müssen wie ein Pferd in der Realität aussieht. Dass es auch anders geht, war mir vielleicht nicht immer so klar.

ASP: Wann wurde Dir das klar?
DG: 2010 hat mich jemand über XING gefragt, ob ich Illustrationen für ein Kinderbuch machen würde. Ich hatte unter anderem auch „Zeichnen“ in meinem Profil eingetragen und es war wohl ein genialer Zufall, dass Jens Höhner mich dort gefunden hat. Ich habe für ihn Probezeichnungen angefertigt, die haben gefallen und so erschien Ende 2010 das Buch „Rentiere sind doof“ (und echt süß) von Erik Elch. [http://www.amazon.de/Erik-Elch-Rentiere-sind-doof/dp/3940767301]
Dann wurde ich mutiger und habe mich an Wettbewerben beteiligt. 2011 habe ich den 3. Platz beim Web Sondermann auf der Frankfurter Buchmesse für meinen webcomic Pinkmützchen gewonnen und für meinen 24h Comic den 1. Preis Panini/MyComics. 2012 habe ich da wieder gewonnen.

ASP: Und wie genau ist Pinkmützchen entstanden?
DG: Die Anfänge gehen in das Jahr 2008 zurück, da sah es aber noch ein bisschen wie Rotkäppchen aus. Und weil Rot ein bisschen langweilig ist und weil es Rotkäppchen ja auch schon gab, hab ich Pink gewählt. Pink – das ist doch eine ganze Welt: fröhlich, pulsierend, schrill, eine Lebenseinstellung... think pink!

ASP: Und heute gibt es Pinkmützchen regelmäßig!
DG: Ja, seit 2010 jeden Montag ein Cartoon. Immer ein pinkes Mützchen, immer vier Bilder. Aber doch hat sich seit 2010 eine Menge verändert. Mein Stil hat sich verändert, ich bin auch zeichnerisch besser geworden. Selbst der Humor verändert sich. Also, der eigene Humor verändert sich und dann gibt es ja auch eine Mode im Humor und auch geschlechtsspezifischen Humor.

ASP: Frauen lachen also anders als Männer?
DG: Ja, das ist wohl tatsächlich so, obwohl es da natürlich auch Ausnahmen gibt. Männerhumor ist derber, oft zotiger, Frauenhumor ist subtiler, meist feinsinniger, hintergründiger. Frauen freuen sich über kleine Comics, kaufen aber weniger Comichefte als Männer... Doch, doch, da gibt es schon Unterschiede... Es gibt aktuell viele Diskussionen in der internationalen Szene, dass Frauen auch hier nicht so ernst genommen werden wie Männer. Obwohl das nicht zu beweisen ist. Ich hatte mich einmal mit ein paar Cartoons um den Deutschen Karikaturenpreis beworben und bin da ganz weit ab gelandet. Und weil ich einfach mal ausprobieren wollte, ob ich da als Mann bessere Chancen habe, hab ich mir eine zweite, männliche Comiczeichner-Existenz aufgebaut, inkl. Homepage, E-Mail-Adresse, Facebook-Seite. Und 2015 war „der Mann“ dann mit 4 Cartoons nominiert. Uuups!

ASP: Du bist mit Pinkmützchen schon ein bisschen berühmt, man findet Dein Buch bei amazon und im Buchhandel, aber mal ehrlich: Mit einem Comic pro Woche kann man keine Miete bezahlen, oder?
DG: Nein, das geht leider nicht... Mein Haupt-Broterwerb sind heute Workshops – jeder, wirklich jeder kann zeichnen! – und etwas, was in Deutschland noch nicht ganz so bekannt ist. Das nennt man graphic recording und das ist eine visuelle Prozessbegleitung und wird eingesetzt in Meetings, Sitzungen oder Brainstormings. Viele Firmen schätzen mittlerweile diese Begleitung und Zusammenfassung ihrer Gespräche und Ideen. Und wenn jemand feststellt, wie erfrischend und bereichern diese Protokolle sind, bucht er mich auch gerne wieder oder empfiehlt mich weiter.

ASP: Wir haben in diesem Gespräch erfahren, dass der Weg zum Comiczeichner weder kurz noch einfach noch geradeaus sein muss. Gab es etwas, was Dich auf dem ganzen Weg begleitet hat, Dir Mut gemacht hat, wenn Du mal den Griffel hinwerfen wolltest?
DG: Wenn man im Herzen ein Zeichner ist, dann kann man gar nicht anders, als bei jeder sich bietenden Gelegenheit zum Stift zu greifen. Das war schon immer so bei mir. Ich habe auch immer viel und gerne Comics gelesen. Anfangs Asterix, Micky Maus und Fix & Foxi und später auch andere Sachen. Irgendwann in den 80ern bin ich über die Comics von Ralf König gestolpert und sein kruder Zeichenstil hat mich ermutigt, dass ein Comic auch gern mal unkonventionell aussehen darf. Seine Sachen sahen für mich immer so lässig hingerotzt aus. Heute weiß ich natürlich wie viel Arbeit darin steckt, dass Zeichnungen eben genau so locker aussehen.
Ich glaube, es ist sehr wichtig überhaupt etwas erzählen zu können. Und da ist es bestimmt hilfreich, wenn man auf eine gewisse Lebenserfahrung zurückgreifen kann. Einen gefälligen Stil sollte man sich dennoch aneignen.

ASP: Liebe Dagmar, ganz lieben Dank für das erfrischende Gespräch! Und vielleicht zeichnest Du uns ab und an mal was! Könnte auch „nur hingerotzt“ sein!

Dagmar Gosejacob
www.pinkmuetzchen.de
www.facebook.com/pages/Pinkmutzchen/304371236324

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf der Homepage das generische Maskulinum verwendet. Mit „der Leser“, „der Autor“ und „der Mensch“ sind hier also in jedem Falle Männer und Frauen gemeint.