Projekt zur Förderung
junger Literatur

soder simonhof

Simonhof, der neue Roman von Stefan Soder, ist die Geschichte eines Bergbauernhofs, der sich von Generation zu Generation weiterentwickeln, den Gegebenheiten anpassen und immer wieder neu erfinden muss. Mit diesem Thema haben sich schon viele Autoren auseinandergesetzt und jeder hat einen neuen Aspekt eingebracht. So auch Stefan Soder.
Ein junger Sturkopf, armer Leute Kind, hat es sich in den Kopf gesetzt, Bauer zu werden. Allen Widrigkeiten zum Trotz baut er eine verfallene Almhütte zum Bauernhof aus. Sein ganzes Leben besteht aus Arbeit, sogar seine Brautwerbung und Heirat mit der Kaufmannstochter passieren nebenbei. Ich habe diesen Teil des Buches geradezu atemlos verschlungen, obwohl er in seiner Distanziertheit wenig Emotionen enthält und auslöst.
Im und nach dem 2. Weltkrieg wird der Simonhof in Abwesenheit des Bauern, der als Soldat eingezogen und später in Gefangenschaft ist, mit Hilfe von Zwangsarbeitern am Laufen gehalten. Mit Bespitzelungen, Intrigen, vielen Pflichten und Verboten reicht der Arm der Politik bis ins hinterste Bergtal, auf die höchste Alm, in die privatesten Bereiche von Küche und Schlafzimmer. Dramatische, infame und tragische Szenen wechseln sich ab.
In den Wirtschaftswunderjahren wird die Gegend als Tourismusregion entdeckt und gnadenlos ausgebeutet. Wälder werden für Skipisten gerodet, Lifte gebaut, jeder Bauernhof vermietet Fremdenzimmer, es entstehen Pensionen und Hotels. Auch der junge Simon mischt bald kräftig mit und entwickelt sich vom risikofreudigen Hotelbetreiber zum Visionär, der immer gewagtere Ideen mit immer zwielichtigeren Geschäftsmethoden umzusetzen versucht. Hier ist für meinen Geschmack etwas zu oft und zu ausführlich die Rede von Bankkrediten, Liftbauplänen, Tourismusindustrie, Schwarzgeldbunkern, dennoch wird gerade dadurch besonders deutlich, wie wenig Chance der Einzelne hat, sich gegen den Zeitgeist zu stemmen.
Ein überraschendes Detail im Duktus dieses Romans, das erst gegen Ende auftaucht, ist die Icherzählerin: eine im fernen Hamburg aufgewachsene uneheliche Tochter jenes Simonbauern, der inzwischen zum Großunternehmer der Tourismusindustrie avanciert ist. Sie interessiert sich für ihre Herkunft und hat die Geschichte ihrer Ahnen väterlicherseits der Vergessenheit entrissen. Dass am Ende die Probleme und die Schulden über dem Simonhof zusammenschlagen und die Familie zurückgeworfen wird auf ihr Bauerndasein, ist durchaus glaubwürdig, auch wenn es wie Ironie des Schicksals klingt.
Stefan Soder, Simonhof, Braumüller 2017, ISB 978-3-99200-179-8, Hardcover, 260 Seiten, € 20,--

 

 

Stürzen wir uns also hinein in die langen Wortschlangen, die uns von ihr und ihm erzählen, ganz anders als in allen anderen Büchern, die ich je gelesen habe.

Sie hat eine unschöne, unliebsame, verletzende Vergangenheit und eine Schwester, die sie immer daran erinnert. Sie trifft ihn, der nach Jasmin und Kirschtabak riecht. Er ist Präparator (und Maler) und arbeitet in einem kleinen Laden, in dem es nach Moder und Chemie riecht. Es wimmelt von toten Tieren, von Schatten, von Geheimnissen und in dieser Kulisse spielt ein wichtiger Teil der Handlungen.

Sie schleichen umeinander herum, fühlen sich voneinander angezogen und zögern doch. Sie warten, beobachten, geben ihren Gefühlen freien Lauf, erschrecken, sehnen. Sie teilen eine Dunkelheit, die Geborgenheit schenkt.

Isabella Feimer schreibt eine Geschichte über Gefangensein in Dunkelheit, in Stille, in Nächten der Erinnerung. Es gelingt ihr, zwei Seiten einer Geschichte so unauffällig zu verknüpfen, dass man beim Lesen nicht mal umschalten muss. Wie von selbst fügt sich das, was einer sagt und einer denkt zusammen. Oder was einer sagt und was ein anderer sagt. Selbstgespräche, Rückblicke, alles so leicht ineinandergeflochten, dass man wie ferngesteuert in Gedanken mit verteilten Rollen lesen kann.

Diese feinsinnig erzählte Geschichte ist ein dunkles Gebilde, was nicht heißen soll, dass man beim Lesen nicht auch mal ins Fliegen kommen kann. Die Autorin jongliert mit Satzbau und Sprache und bestimmt so geschickt das Lesetempo. Manchmal dachte ich, mir geht gleich die Luft aus (obwohl ich mich nicht gehetzt fühlte) und dann gab es auch wieder Atempausen, da konnte ich das Buch dann ruhig für den nächsten Tag aus der Hand legen. Geschickt!

Ein sehr, sehr außergewöhnliches Lesevergnügen von knapp 250 kleinen Seiten im handlichen Format. Wer sich gerne auf eine besondere Reise geben möchte, dem sei dieses Buch ans Herz gelegt.

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf der Homepage das generische Maskulinum verwendet. Mit „der Leser“, „der Autor“ und „der Mensch“ sind hier also in jedem Falle Männer und Frauen gemeint.