Projekt zur Förderung
junger Literatur

kuschtewskaja am anfang war die frau

Ein Genie ist so etwas wie eine eindrucksvolle Sonderversion des Menschen. Vergessen wird oft, dass „das Genie“ auch isst, schläft und menschliche Beziehungen unterhält.

Es hat Talent, ja, aber um wahrhaft zum Genie zu werden, braucht es harte Arbeit und bedingungslose Hingabe – und zwar meist nicht nur vonseiten des Genies, sondern auch vonseiten seiner Partnerin.

Der dritte Band einer Trilogie über russische Frauen von Tatjana Kuschtewskaja Am Anfang war die Frau (2016, Grupello Verlag) erzählt die Geschichten von Frauen, die an der Seite russischer Genies standen. Ihr Leben strotzte vor ungewöhnlichen Momenten – im Guten wie im Schlechten. Es forderte von ihnen Zurückhaltung, Demut, häufig Selbstaufgabe. Ohne diese Frauen hätten die Genies nicht den Stellenwert, den sie heute in der Geschichte einnehmen: Sie waren ihnen Motor, Managerin, Komplizin und Muse, die eigentlich selbst eine glänzende Karriere hätten haben können.

Zum Beispiel Natalja Satina, Frau des Pianisten Sergej Rachmaninow: Sie hatte das Konservatorium mit einer Silbermedaille abgeschlossen und wusste, dass ihr Mann eine Geliebte hatte. Trotzdem schenkte sie ihm zwei Töchter, führte den Haushalt und spielte erst nach seinem Tod wieder auf dem Flügel. Oder Anna Snitkina, zweite Ehefrau des Schriftstellers Fjodor Dostojewski: Sie kümmerte sich um die vier Kinder, führte den Haushalt und verzieh ihrem Mann jedes Mal, wenn er wieder gespielt hatte. Sie schrieb seine Manuskripte ins Reine, korrespondierte mit Verlagen und Druckereien, korrigierte Druckfahnen. Kennengelernt hatte er sie als „beste Absolventin der Stenographiekurse“, ausgezeichnet mit einer Silbermedaille.

In die Geschichten der Frauen und ihrer Ehemänner flicht Kuschtewskaja eigene Berührungspunkte mit dem jeweiligen Thema, Anmerkungen über ihre Recherche und Einschätzungen über Kunst, die Ehe, russische Frauen. Gelegentlich ruckelt der Lesefluss, beispielsweise wenn eine Erzählung eher wie eine Aufzählung wirkt. Insgesamt aber überzeugt das Buch, nicht zuletzt durch seinen weiblichen, ungemein persönlichen und vielseitigen Blick auf die russische Kultur.

 

Tatjana Kuschtewskaja, Am Anfang war die Frau, Grupello Verlag, 308 Seiten, Klappenbroschur, Format: 13 x 21 cm, ISBN 978-3-89978-245-5, 19,90 Euro

Ein Genie ist so etwas wie eine eindrucksvolle Sonderversion des Menschen. Vergessen wird oft, dass „das Genie“ auch isst, schläft und menschliche Beziehungen unterhält.

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf der Homepage das generische Maskulinum verwendet. Mit „der Leser“, „der Autor“ und „der Mensch“ sind hier also in jedem Falle Männer und Frauen gemeint.